Annas Weblog


Michael Dukakis über ‘das Verlieren’

Die aktuelle Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung lädt zu einem verlängerten Frühstück ein und zwar: nicht unter 2 Stunden, so großartig ist sie. Als ob die Redaktion den Tag der Einheit genutzt hätte um eine noch bessere, noch unterhaltsamere, noch relevantere Ausgabe zu kreieren. Ich bin begeistert. Ganz besonders schön ist das Interview mit Michael Dukakis, US Präsidentschaftskandidat 1988 gegen George Bush Senior. Er wird zum Thema “Verlieren” interviewt und sagt unter anderem diese folgenden, besonderen Worte:

(SZ) Amerika geht sehr brutal mit seinen Verlierern um.

(MD) Sehen Sie: Wir sind alle Freiwillige. Niemand verlangt von uns, dies zu tun. Wir Amerikaner mögen Gewinner und mögen keine Verlierer. Nichts Ungewöhnliches daran. Wenn Sie gewinnen, sind Sie der Präsident der Vereinigten Staaten. Great. Der wichtigste Führer der Welt. Wenn Sie verlieren, dann verlieren Sie halt. Seien Sie nicht überrascht, wenn einige Leute dann unglücklich sind. Und selbst wenn Sie verlieren, so verbleiben Sie doch in einer Position, die Ihnen erlaubt, einige sehr beeindruckende Dinge zu tun.  […]

Was er – meiner Meinung nach – damit sagen will, ist: a rose is a rose is a rose (Gertrude Stein). Nichts mehr und nichts weniger. Der Wahlkampfverlierer ist ein Wahlkampfverlierer und kein ‘Verlierer auf der ganzen Linie’. Er wird auch nicht mit faulen Eiern beworfen oder ausgebuht. Und selbst wenn; er stirbt nicht. Das Einzige was man über ihn sagen kann, ist dass er ‘lediglich’ die zweitgrößte Absicht hatte den Wahlkampf zu gewinnen… oder ein bisschen weniger ehrgeizig war. Na und? Er hat freiwillig kandidiert und damit freiwillig gewählt auch verlieren zu können: und verloren. So wie Sarah Palin freiwillig jede Situation der Blöße wählt, glücklicherweise nur der geistigen. Auch wenn Bette Middler das anders sieht.

Schließlich gibt es auch noch jemanden, der zwei Mal zum Präsidenten gewählt worden ist und jetzt wie ein ‘Verlierer auf der ganzen Linie’ da steht, es aber genau genommen nicht ist. Er war nur nicht integer, hat Dinge versprochen, die er nicht halten wollte.  ‘Didn’t walk his talk’ wie der Amerikaner sagen würde. Said ‘A’, meant ‘B’, did ‘C’. Die Wahrheit ist: Seine Absicht war groß genug Präsident der Vereinigten Staaten zu sein und nicht groß genug sein Amt als ein tatsächlich großer Präsident zu bekleiden. Vielleicht hat ihm die blanke Hülle von 8 Jahren Regierungszeit ausgereicht: ein kokettierender Din-A-1 Umschlag im Dauermailing, ein ewig krähender Hahn auf einem immer größer werdenden Haufen Mist.

Die Wähler und damit die Vereinigten Staaten von Amerika wollten (=wählten) zwei Mal sogar genau diesen Präsidenten und sei es der Erfahrung wegen. Jetzt haben sie zwei Legislaturperioden lang eine Bandbreite von Erfahrungen sammeln können, die andererorts eines Vierteljahrhunderts bedürfen und das ist ein Riesenvorteil: Auf der Basis dieser Erfahrungen können sie neu wählen. Einstein sagte mal -nicht ganz wertfrei-: “Es gibt kein sichereres Zeichen von Irrsinn, als das Selbe immer und immer wieder zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.” Mich würde es nicht wundern, wenn Herr McCain und Frau Palin den Misthaufen vergrößern dürften.

Wie auch immer. Detlef Esslinger hat ein sehr gutes Interview mit Michael Dukakis geführt und damit das brilliante ‘Wochenende’ glänzend aufpoliert, welches übrigens auf der ersten Seite mit Leonard Cohen beginnt: Das sollte eigentlich schon als Grund reichen die Ausgabe zu kaufen.

Darüberhinaus läuft Evelyn Roll in ihrer Französischen Straße auf Krücken zur Höchstform auf und schreibt seit langem mal wieder etwas sehr Schönes. (Zugegeben: Ich vermisse immer noch Juan Moreno.) Obwohl ich wirklich sehr hoffe, dass ihre Kolumnen nicht autobiografisch sind, wünsche ich mir paradoxerweise ein wenig, dass sie sich tatsächlich das Kreuzband gerissen hat, denn vielleicht stimmt es was man über Künstler sagt: sie müssen leiden um gut zu sein. Dann sollte sie ihre Krücken um Gottes Willen nicht weg tun. Ich würde ihr auch helfen sich ab und zu ein Kreuzband oder eine Achillessehne zu zerren. Ja, um die Qualität der SZ-Kolumnen zu steigern, würde ich die 500 km Autofahrt nach Berlin gern auf mich nehmen. Wir könnten auch sofort einen Termin machen, die Evelyn und ich. Wir wär’s denn mit dem 18. Oktober? Da bin ich sowieso in Berlin. Evelyn, meld dich doch einfach. Ich komme dann in der Französischen Straße vorbei.


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