Annas Weblog


Great wording – part 1
October 18, 2008, 1:42 pm
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Aus Süddeutsche Zeitung – Das Wochenende 18.10.2008
“Die kleine Leise” von Rebecca Casati

“Nun erscheint bereits ihr viertes Album mit dem schönen Titel “Teilzeithippie”. Es ist der erste Tag ihrer Promotionstour, und in ihrer Berliner Hotelsuite stauen sich Menschen, überkreuzen sich Vorhaben und Aktivitäten. Der Fotograf zerwühlt das Bett, der Assistent assistiert, der Manager bestellt Getränke, die Visagistin kämmt Haarteile, die aussehen wie erlegte Hermeline. Der Zimmerkellner bringt den Cappuccino, alle paar Minuten klopft wieder jemand Neues, und Annett Louisan setzt sich aufs Bett und hinterlässt kaum eine Delle.”
[…]
Später wird ein Team von Bunte anrücken, Louisan in Second-Hand-Klamotten stecken und sie, bei 15 Grad und Ostwind, auf einer Picknickdecke im Tiergarten arrangieren, und natürlich wird sie dabei eine Gitarre halten. Das soll zu “Teilzeithippie” passen, macht aber vor allem klar, dass das Leben eines deutschen Popstars heute weit weg ist von Bohème. Es besteht aus Hotelzimmerüberdecken, Synthetikverkleidungen, und unter Umständen kriegt man auch einen toten Hermelin an den Kopf getackert.”

Die Wochenendausgabe ist mal wieder ein kleines Sahnehäubchen. Reinhard Klimmt verdrückt im Interview durch müde und leicht errötete Augen ein paar verbale Krokodilstränen für Herrn Lafontaine und klingt dabei fast, wie die menopausierende Mutter, deren Kinder aus dem Haus sind und deren Ehemann es nicht lassen kann mit der Nachbarin abzustürzen. Was die Interviewerin (übrigens Evelyn Roll) hier wunderbar zu Tage bringt, ohne im Entferntesten darauf einzugehen, ist die bedingungslose Liebe eines jeden Menschen für den anderen Menschen. Herr Klimmt verwechselt das mit ‘mögen’, was ihn an sich sehr sympathisch macht. Allerdings ist ‘mögen’ an Bedingungen geknüpft und die Bedingungen von Herrn Klimmt erfüllt Herr Lafontaine schon seit langem nicht mehr. Deshalb ist er ja auch so wütend und trotzig. Zurecht. Aber er liebt ihn noch.

Auf der anderen Seite des Wochenendes schreibt Alex Rühle den relevantesten Artikel der aktuellen Ausgabe. “Allein” hat nichts mit Stefan Raab’s Turmspringen zu tun, obwohl man auch da sicherlich Parallelen ziehen könnte. Es geht um das mediale schwarze Loch, indem gleichermaßen drei wichtige Umweltstudien verschwanden, während die Kurse an den Börsen Purzelbäume schlugen und die Welt bestürzt den (temporären) Zerfall des Kapitalismus kommentierte. Steigende Temperaturen vs. fallende Kurse und die Tatsache, dass das ‘Jetzt’ relevanter ist als das ‘Morgen’, zeigen, warum der ‘präventive Umweltschutz’ nur ein Oxymoron sein kann, und der engagierte Umweltschützer von heute immer der Vollidiot von gestern bleibt.

Evelyn Roll schreibt in ihrer Kolumne über die Auswirkungen ihrer Krücken auf den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen und sieht in der scheinbaren Pflicht, als Autorin und Journalistin stets “unterhaltend” zu wirken, die Begründung für die ein oder andere inhaltlich-wahrheitstechnisch dehnbare Antwort in Folge lästiger Wiederholungen der selben Frage. Weil sie es leid ist immerzu die selbe Antwort runterzunudeln, hat sich der 480ste Fragende von “Wie ist das denn passiert?” mit einer interessanten und unterhaltsamen Lüge abzufinden. (Frau Roll und Frau Merkel haben gar nicht gemeinsam Fußball gespielt.)

Insgesamt ist das doch alles sehr schön. Jetzt geh’ ich putzen.


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