Annas Weblog


Kassensturz in der Regie – Tatort ohne Farbe
February 2, 2009, 1:20 am
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tatort
Foto SWR

Vor vier Jahren beklagte sich Ulrike Folkerts über schlechte Drehbücher beim Tatort und dass ihr der Tatortstoff  “manchmal zu seicht” sei. “Sozialkritischer” könnten ihre Stories sein, ja, das würde sie sich wünschen. Zwar sind seitdem die Skripte nicht wesentlich besser geworden, aber sozialkritisch war der letzte Ludwigshafener Tatort “Kassensturz”, bei dem es um die Arbeitsbedingungen in Filialen der Niedrigpreislebensmittelgeschäfte (kurz: Discounter) geht. “Billy” heisst die Kette stellvertretend für Aldi, Lidl, Netto und Co.

Eine Managerleiche im Müll (im Film: der GL), verschreckte Angestellte (kurz: MA) sowie diverse Mordwaffen und Motive orbitieren um den Kern der Geschichte. Diesen wollte zunächst niemand anfassen und allein dafür bin ich sowohl dem Drehbuchautor (Stephan Falk) als auch dem Regisseur (Lars Montag) dankbar. Dann kam der Lidlskandal während der Dreharbeiten und damit die Bestätigung, dass man dabei war etwas richtig zu machen.

Lars Montag hüllt den Tatort in blasse Farben indem er den Kameramann bittet das Rot etwas rauszudrehen. Die gelbe Neonröhrenwelt des Discounters wird neidgelb farbvertretend zur ekligen Gier des Kapitalismus, lediglich gebremst durch Lena Odenthals frühlingsgrünen Parka, der so ganz ohne Rot noch grüner und hoffnungsvoller wirkt. Lars Montag fährt ein Kontrastprogramm auf.

Doch schon zu Anfang wirken die Texteinblenden unbeholfen und die Kameraführung rumpelig. Dann der erste Regiefehler beim Ertappen des Privatdedektivs auf der Bowlingbahn. Diesen versucht der Schnitt zwar so gut es geht zu beheben aber eine Schnittachse ist eine Schnittachse und die hat genau 180°. Schade.

Die Leiche taucht inmitten einer Mülldeponie auf und mit ihr die Hoffnung Lena. (Schicke Frisur übrigens.) Die Ermittlungen laufen an, man setzt sich mit der Vertriebsleiterin auseinander. Abgesehen von der sehr merkwürdigen Personenkonstellation und Körperhaltung, kommen hier zum ersten Mal Dialogschwächen zu Tage, die bis zum Schluss anhalten. Die beiden Höhepunkte bilden eine kurze Auseinandersetzung zwischen Odenthal und einer Obdachlosen sowie das vor Moral triefende Verhör mit der Vetriebsleiterin. “Verstehe ich das richtig?” sollte fort an aus Befragungen gestrichen werden.

Einen weiteren Kontrast bildet die Sekretärin Frau Keller, die während ihrer Arbeitszeit munter beim lokalen Radiosender an einem Hollywood-Reise Gewinnspiel teilnimmt und dafür auch noch die überlasteten Kapazitäten des rheinland-pfälzischen Polizeiapparats beansprucht. Kurz darauf kündigt bei “Billy” eine Mitarbeiterin “freiwillig” weil sie den Pfandautomaten falsch bedient hat… .

Weil aber ein sozialkritischer Tatort in einem Lebensmittelgeschäft nicht so recht den Schauplatz für Bang! Boom! Bang! und Action! hergibt, wird Kopper auf einen Strommast geschickt und Lena muss im Dunkeln einen Verfolgungslauf hinlegen. (Warum lieber Drehbuchautor, warum?)

Im Fazit bleibt zu sagen, dass man einen schwierigen Stoff gut aufgegriffen hat aber da hört es auch schon auf. Bildsprache über Farbtemperatur mag das eine sein. Werte wie Moral und Anstand können jedoch nicht durch hölzerne Dialoge transportiert werden. Vor allem bedarf es aber mehr Gefühl: zwischen den Zeilen.


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