Annas Weblog


Wie es ist
May 27, 2009, 8:36 pm
Filed under: Interesting Jobs, Süddeutsche Zeitung | Tags: ,

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Morgen ist mein letzter Arbeitstag. Gerade fühle ich mich wie irgendjemand mit einem Banjo, der zwei Songs auf der großen CMA Bühne in Nashville / Tennessee mit den Dixie Chicks spielen durfte, und der jetzt weiß wie sich 80.000 Leute anfühlen.

Meine Bühne war zwei Monate lang im 16ten Stock des SZ Hochhauses mit einem grandiosen Ausblick auf den Münchner Norden. Meine 80.000 Leute waren freilich keine Menschenmasse. Sie waren einzelne Leser. Manchmal in der S-Bahn gegenüber mit der Zeitung in der Hand. Manchmal im Café, mit einem Latte Macchiato, den Kopf zwischen zwei riesigen Seiten dünnem Papier. Manchmal im Englischen Garten auf der Parkbank, die Beine übereinander geschlagen und die Süddeutsche auf dem Schoß. Manchmal auch in der Fußgängerzone – dann als isolierende Schicht gegen den harten und immer noch frühlingskalten Steinboden.

Meine Nachfolgerin ist gestern schon gekommen. Sie geht, wie meine Vorgängerin, auf eine Journalistenschule in einer großen deutschen Stadt und muss sich deshalb gar nicht auf Praktika bewerben. Die bekommt man dort zugeteilt. Sie darf länger bleiben als ich, weil es ihr Curriculum so vor sieht und sie ist sehr nett. Komisch jemanden an dem Platz zu sehen, an dem man zwei Monate lang sehr gern gearbeitet hat.

Und wie komisch es erst sein wird, morgen diese kleine Karte, dieses Wunderdings, wieder abgeben zu müssen mit der man Drehkreuze aufsperren und Fahrstühle herbeirufen kann. Noch komischer wird es sein, morgens nicht mehr schlaftrunken in einem dieser rot grauen Würmer zu verschwinden, unter der Erde, von der einen zu der anderen Seite der Landeshauptstadt. Und seltsam wird es sein, dann keinen Milchkaffee im Pappbecher zu kaufen und damit deutlich weniger schlaftrunken die laute und dunkle Unterführung hindurch in Richtung des großen, gläsernen Turms zu gehen, zu ihm aufzublinzeln, und ihm einen guten Morgen zu wünschen.

Vermissen werde ich auch die vorabendlichen Stunden, in denen die Sonne schon tief steht und es Zeit für den dritten Milchkaffee wird. Die Stunden, wo Texte seziert und Worte gewürfelt werden und alles ganz friedlich ist.

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Wie nach nur zwei Monaten eine Art Alltag zustande kommt! Wie schnell man im woanders gern zu Hause ist! Wie großartig es ist, wie es ist!


2 Comments so far
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Oh Gott, Anna, du bist verliebt.

Comment by Chris

Ja, und zwar in eine aussterbende Spezies. The first cut is the deeeeepest … . (Now, how sappy is this?)

Comment by Anna




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