Annas Weblog


Das Feierabendbier in der Rush Hour: über Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln
July 19, 2009, 12:16 pm
Filed under: Tests, Weird things | Tags: , ,

Es war kurz vor sechs Uhr abends und der Zug war voll. Überall Menschen: Frauen in Kostümen, Studenten mit Umhängetaschen und Männer in Anzügen, allesamt auf dem Weg nach Hause. Ein junger Mann saß auf einem Fensterplatz mit einem Blackberry in der einen und einer Flasche Augustiner Helles in der anderen Hand. Er tippte Nachrichten in die Tastatur, dann nahm er einen Zug aus der Flasche.

Ein After-Work-Beer in der S-Bahn? Ich fand das seltsam; gerade aus dem Job, beziehungsweise mit dem Blackberry noch halb im Büro und schon das Rauschmittel zur Hand. Am Marienplatz stiegen zwei Handwerker zu – ebenfalls mit Bierflaschen in der Hand. Das fand ich weniger seltsam. Weil sie Handwerker waren? Einige Mitfahrer musterten die Biertrinker, andere ignorierten sie … und ich überlegte weshalb das eine komischer ist als das andere. 

In einem sehr guten Bayern2-Interview sprach der Journalist Jörg Böckem über den heutigen Stellenwert und Gebrauch von Drogen in der Gesellschaft – angefangen beim Alkohol bis hin zum Heroin. Er war selbst jahrelang Heroin-abhängig und schrieb darüber das Buch ‘Lass mich die Nacht überleben’. Böckem interviewte den Heidelberger Suchtforscher Jungaberle, der klar für einen kultivierten Drogenkonsum Stellung bezieht: “Der Wunsch nach Rauscherlebnissen ist normal, notwendig und gesund, ganz einfach weil das Leben anstrengend ist. Rausch vermindert die Ich-Kontrolle und bringt kurzzeitig Entlastung. Alle Kulturen kennen Rituale zur wichtigen und heilsamen Überschreitung des Alltags.”

Aber muss man den Alltag schon auf dem Nachhauseweg überschreiten? Welches Signal sendet man seinen Mitmenschen wenn man sich mitten unter ihnen – und dennoch allein – in eine andere Realität begibt? Ist die Realität nicht sowieso für jeden Menschen anders? Wieso macht es einen Unterschied ob man nun in der Bahn oder in der nächst liegenden Kneipe sein Bier kippt? Wieso akzeptiere ich dieses Verhalten eher bei einem Handwerker als bei einem Büromenschen?

Und vor allem: Macht es eigentlich einen Unterschied ob eine Frau oder ein Mann in der vollen S-Bahn die Bierflasche ansetzt?

Ein Selbsttest

Während es fast täglich vorkommt, dass ich Männer in der S-Bahn sehe, die Bier trinken, habe ich bewusst noch keine Alkohol konsumierende Frau im öffentlichen Nahverkehr wahrgenommen – abgesehen von ein paar Teenies mit Alkopops (was hier nicht diskutiert werden soll).

In der vergangenen Woche testete ich diese ganze Bier-in-S-Bahn Problematik selbst. Als ich gegen 18 Uhr die Arbeit verließ und am Ostbahnhof umstieg, kaufte ich dort im Späti ein Augustiner Helles, das so kühl war, dass es in der Hand beschlug. Gar nicht mal so schlecht , dachte ich und in der S-Bahn suchte ich mir einen zentralen Sitzplatz. Ich ließ das Buch / die Zeitung in der Tasche und öffnete das Bier mit meinem Schlüsselbund. Die ältere Frau schräg gegenüber schüttelte unmerklich ihren Kopf.

Neben mir saß eine jüngere, asiatisch aussehende Frau. Sie schien irritiert, schaute kurz zu mir rüber und wenn ich zurück schaute, wendete sie ihren Blick ab. Ein gegenüber sitzender Mann blickte kurz auf und versank wieder in sein Buch. Die einsteigenden Fahrgäste blieben an der Bierflasche (und mir) vielleicht einen Augenblick länger hängen als gewöhnlich. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Angesprochen wurde ich nicht.

Dennoch war es ein komisches Gefühl. Die S-Bahn ist für mich eben keine Kneipe, sondern doch ein Ort wo das Bier zu bestimmten Zeiten nicht zwangsläufig hingehört. Für mich gehört es etwa nicht in den Feierabendverkehr, aber vielleicht schon in die Zeit einer Fußball-WM. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass es für den Blackberry-Menschen und die beiden Handwerker zum Feierabend gehört – quasi als Ritual, als Deckel auf den Topf des Tages und als Stück persönliche Freiheit. (In den USA oder in Kanada wäre eine solche Aktion überhaupt nicht denkbar.) Und ich will es ihnen auch nicht verdenken.

Jörg Böckem erzählte in dem Interview von einem fixenden Junkie, der sich ihm gegenüber in der S-Bahn die Nadel in den Arm rammte. Das war in Hamburg. Vielleicht sollte ich den Münchner Feierabendpendlern einfach ihr Augustiner gönnen. Vielleicht möchte ich aber den Blackberry-Menschen auch zukünftig lieber in einer Bar sehen … irgendwo in Schwabing mit anderen Blackberry-Menschen und einem frisch gezapften Bier im Glas:  Weil das gesellschaftliche Ritual des Feierabendbiers dann auch seine soziale Ordnung hat – zumindest für mich.


2 Comments so far
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Ein interessantes Thema mit passendem Selbstversuch!
Obwohl wir mit größtenteils biertrinkenden Menschen unser Geld verdienen und für eine gewisse Trink- und Bierkultur eintreten sehe ich den schmalen Grat hin zur Förderung eines gesellschaftlichen Alkoholproblems.
Ich denke die Ästhetik (und damit eine gewisse Kultiviertheit)spielt eine Rolle:
Wenn ich jemand sehen würde, der ein Bier mit dem Aufdruck “Mein einziges Feierabendbier – Gönnt es mir!” hätte fäande ich es wohl kreativ und originell…und somit akzeptabel.
Obwohl: Ich würde auch so ein Bier nicht in einer vollen Feierabend-S-Bahn öffnen..aber das kann auch an meinem Anstand liegen😉
Dennoch ist ein Oettinger Export für mich schon ein Statement an sich…

Comment by BeerStickr




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