Annas Weblog


Einmal ‘schäl Sick’ und zurück
August 20, 2009, 4:35 pm
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Weil ich beruflich in NRW zu tun hatte und Köln nur noch 120 km von dort entfernt war (und aus anderen, viel wichtigeren Gründen), war ich neulich “kurz in Köln”. Dort hängen Plakate der Horst Schlämmer Partei (HSP) neben den regulären Wahlplakaten an Litfasssäulen, Straßenlaternen und Werbewänden. Sie fügen sich ins wahlkampfgelittene Stadtbild, als wäre das alles völlig ernst und richtig. Auf der Rückfahrt nach Leipzig, mit einem Tunesier und einem Pärchen von der Elfenbeinküste, fiel mir auf, wie seltsam die deutsche Wahl- / Werbeplakatlandschaft auf Ausländer wirken muss, die ja nun überhaupt nicht wissen, dass Horst Schlämmer nicht wirklich kandidiert. Geschweige denn, wer Horst Schlämmer ist, und was er eigentlich vom deutschen Wähler / Kinogänger will.

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Buhlen um die Gunst des Volkes: Kinowerbung, die wie Wahlwerbung aussieht

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa würden 18 Prozent aller Deutschen am nächsten Sonntag die Horst Schlämmer Partei (HSP) wählen, die von ihrer Ausrichtung her konservativ, liberal und links ist, und für Inhalte wie “Grevenbroich wird Bundeshauptstadt” und “Solarium für alle” steht. An den Haaren herbeigezogen klingt das. Wie im Film. Ein Film, der blank zieht vor der Realität: Da rappt im Wahlwerbespot ein Unterschichten-Idol für einen selbsternannten Kanzlerkandidaten, und man ertappt sich plötzlich beim mitwippen und cool-finden.

Da wiederholt der Kanzlerkandidat eigenen Willens ein paar Mal die Phrase “Yes, Weekend!”, und man fühlt sich auf einen Schlag in den US-Präsidentschaftswahlkampf zurückversetzt, mit all der Euphorie und Leidenschaft. Da äußert sich der bemühte SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier im politischen Wahlkampf-Fernsehen ernsthaft zu Inhalten der HSP, statt das plakative Werben als Bemühung um den potenziellen Kinogänger abzutun, und mit der Tagesordnung weiterzumachen. Indem er darauf eingeht, in dem er seine Aufmerksamkeit der geschmierten Marketingmaschine der Filmindustrie widmet, begibt er sich automatisch auf die selbe mediale Ebene (Unterhaltung), scheitert mit jedem Satz, und sofort wird klar: Nichts ist langweiliger, altbackener und neuerungsresistenter als der deutsche Wahlkampf zur Bundestagswahl.

Zum Beispiel: Weil sich die Parteien inhaltlich kaum noch unterscheiden. Weil die Parteien auf ihren Plakaten mit Brüsten um den Wähler buhlen, und ihn mit Hintern ganz offensichtlich verarschen. Weil Radiointerviews auf Sätze wie “Wer Veränderung will, wählt XXX” hinauslaufen – und an die Stelle von XXX wirklich jede Partei einzusetzen ist (heute MDR Info Interview mit Özdemir, das war der Wortlaut!). Weil es nicht mehr darum geht, den Wähler argumentativ zu überzeugen, sondern den Kontrahenten zu überschreien. Weil Horst Schlämmer mit einem Fingerzeig auf die “schäl Sick” der deutschen Parteienlandschaft weist und dadurch zum wirklichen Volksvertreter wird. Zu einem aus dem Volk. Zu einem aus der eigenen Mitte.

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Wahlkampf auf Deutsch – poppige Dekolletés und delikate Pos

Weisste bescheid, Schätzelein.


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