Annas Weblog


Erntezeit
August 31, 2009, 10:18 am
Filed under: Scribble-in-a-minute

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Manche meinen, er wäre dieses Jahr nie da gewesen. Er hätte noch nicht einmal vorbeigeschaut, um sich dann klammheimlich und verstohlen wieder unbemerkt abzusetzen; der Sommer, die gelbe Sau.

Ganz besonders ist diese Meinung im Süden der Republik verbreitet, wo er sich tatsächlich nur so lange hat blicken lassen, dass der Mensch, angesichts seiner spärlich vorgeworfenen Happen, gar nicht auf die Idee kommen konnte, ihn beim meteorologischen Institut zu reklamieren oder anderweitig Beanstandungen zu erheben. So kurz war seine Zeit aber auch, dass ihn jetzt zum Herbst hin, weder Gefühle noch Erinnerungen in sentimentaler Retrospektive anständig aufleben lassen könnten: Kein Gefühl von nassen Haare auf einem sonnenwarmen Rücken, die Waden unberührt vom Saum des Sommerkleides, die Fußsohlen babyweich und weiß, und gar nicht kohlenschwarz, weil der Erdboden stets zu kalt war, um Spuren zu schnüren und ja, die Erdbeerzeit gab es. Aber wie schmeckte die noch mal?

Kalt ist es jetzt geworden. Die Linden lassen alle Hüllen fallen. Bald kann man schon, durch das fehlendes Blätterdach hindurch, hinter ihre Kulissen schauen. Von den Ahornbäumen segeln kleine Hubschrauber herab, die von handtellergroßen, rabenschwarzen Herbstkätzlein gejagt werden, bis sie dort zerspielt und getötet liegen bleiben, wo der kalte Herbstwind nicht hinkommt, um ihnen wieder Leben einzuhauchen. Das Kartoffelkraut ist längst aus dem Garten verbannt, und durch die harte Kruste der schweren Erde schimmert hier und da die Schale der Deutschen Sättigungsbeilage Nummer eins. Mehlig oder festkochend: Es wird geerntet was die Grabegabel zum Vorschein bringt.

Im Garten stehen die Runkeln dicht an dicht, und die Himbeeren ächzen an den Sträuchern. Abnehmen und essen will die keiner mehr, denn in der dritten Erntewoche ist selbst der größte Himbeerfan mit Kompott, Sahnetorte und Vanilleeis-Dessert derart abgefüllt, dass die bloße Erwähnung der Frucht einen leichten Brechreiz auslöst. Die Apfelbäume hängen üppig und voll. Noch sind die Früchte sauer und wütend auf den Sommer, denn ihnen verbleiben nur wenige Tage, um irgendwie süß, ansehnlich und essbar zu werden. Bis zur Erntezeit müssen sie nun jeden neuen Tag pflücken wie er kommt, bevor sie endlich von helfenden Händen ganz vorsichtig in die Plastikkisten gelegt und zum Markt oder zur Mosterei gebracht werden.

Was jetzt noch im Garten ist, muss raus aus der Erde und ab vom Baum. Sowieso muss alles in Kisten oder Eimer oder in Stiegen oder in Bündel zum trocknen gehängt auf den alten Speicher. Der Ausverkauf im Gemüsedomizil und Fruchtquartier hat begonnen.


1 Comment so far
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hach, erinnert doch stark an Richie Rilke:

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, 21.9.1902, Paris

Comment by Mika




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