Annas Weblog


Randvoll, purpurn und geerdet

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Ich weiß gar nicht wie vielen Menschen ich davon erzählt habe, aber es dürfte ein kleines Stadion voll gewesen sein. Begeistert war ich, und bin es immer noch, von einem sehr kleinen Theater, unweit vor den Toren Berlins. Ein wunderschöner Anlass ergab kürzlich, dass ich seit mehr als sieben Jahren noch einmal dort war, wo ich bereits viele Jahre zuvor die selbe sehr gute Vorführung gesehen hatte.

Von exakt dieser Inszenierung hatte ich in der Zwischenzeit verdammt vielen Leuten erzählt, ja geschwärmt gar, und ganz dringend empfohlen, die ungewöhnliche Anreise durch ein Niemandsland anzutreten, um schließlich dort anzukommen, wo Gefühle randvoll eingeschenkt werden, wo literarischer Stoff purpurn glänzt, wo jedes gesprochene Wort derart geerdet ist, dass es keiner tiefgründigen humanistischen Bildung bedarf, um es zu interpretieren – und natürlich wo sich Hase, Igel und Fuchs gemeinsam eine gute Nacht wünschen: Im Theater am Rand. Nahe der Oder im kargen Oderbruch, beinahe auf der polnischen Grenze, die auch eine Deutsche ist – in Zollbrücke.

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Der letzte Ort westlich des Oderdeichs

Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern inszenierten Sten Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit … zum ich-weiß-nicht-wie-vielten-Mal. In einem anderen Theater hätte man es vielleicht schon abgesetzt. Aber es passt eben zu Zollbrücke – obwohl dort längst nicht überall die Zeit stehen geblieben ist: Ort und Theater haben sich in der Zwischenzeit verändert. Aus dem kleinen Fachwerkhaus, in dem vor sieben Jahren nur eine Hand voll Leute Platz hatten, ist ein großer Holzanbau geworden, der freilich nur in Zollbrücke groß ist – woanders wäre er ziemlich klein. Groß genug aber, um so viele Menschen darin unterzubringen, dass auch der schlammige Parkplatz ernsthaft gepflastert und erweitert werden musste, sodass jetzt noch mehr Gäste anreisen können – vorbei an prachtvollen und einsamen Birnenalleen, in denen sich der Berliner jedes Mal im Herbst outet, wenn er sein Auto auf dem Heimweg am Straßenrand parkt, um mit noch laufendem Motor schnell ein paar Früchte von den tiefsten Ästen zu klauben.

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Das neue Theater

Der selbe Berliner, der ja bekanntlich auch ein Picknicker ist, scheint derweil jedoch in der Pause dazu übergegangen zu sein, seine eigene Bierzeltgarnitur auf dem großen Parkplatz aufzubauen. Uffrechn tut er sich gar, wenn man die Tische ein wenig zur Seite schiebt, um noch den letzten Platz zu nutzen. Er schenkt dann Prosecco aus, greift in den Weidenkorb und fördert zu Tage, was die Frau am Morgen eingepackt hat. Und das obwohl es im neuen Holzbau des Theaters immer noch die grandiosen Bio-Ziegenkäsebrote gibt und Roibuschtee, der besonders bei Nieselregen, wohlig den Magen wärmt und leckeren Kuchen.

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Der Sturm auf das Bio-Ziegenkäsebrot

Nach dem Stück wird Austritt gezahlt. So viel, wie einem die Darbietung Wert war. So viel auch, wie man sich an der ungewöhnlichen Kulisse satt gesehen hat. So viel, wie die Anreise einsam und schön war. So viel, wie Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern in ihrer kargen Verschrobenheit authentisch waren. — Und das sind mindestens zwei Stellen, wenn nicht eigentlich schon drei. Weil aber Zollbrücke so bodenständig wie realistisch ist, wird diese Summe wohl nie gezahlt werden. Schließlich muss man sich auch leisten können, danach noch schnell die Birnen zu klauen.


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