Annas Weblog


Szenen I
December 9, 2010, 12:30 am
Filed under: Scribble-in-a-minute | Tags: , ,

<Sogar der Schnee ist weißer Dreck>, denke ich und starre auf meine Schuhe auf dem Türabsatz. Eine Hand noch am Knauf der Haustür überlege ich, ob ich den einen Schritt vom Absatz auf den Gehweg wirklich tun will. Der ist verschneit, vereist und dreckig. Aber ich muss einkaufen. Mein Blick wandert weiter auf das rostige Geländer der Blumenrabatte gegenüber. Gelbe Pisskringel an jedem Stab und jeder Ecke. <Ich hasse Hunde>, denke ich. Zögerlich setze ich einen Fuß vom Absatz. Es ist glatt, aber der Dreck trägt.

Auf dem Weg zur Kaufhalle versuche ich die braunen und gelben Flecken im Schnee auszusparen. Der Spaziergang wird zum manischen Tanz. Die Kaufhalle ist leer. Es ist mittags. Alle arbeiten. Nur die Kaufhausmusik lullt den Kältenebel der Gemüseabteilung in Watte. Sie dudelt mich an den Kartoffeln vorbei zu den Karotten. Beim Anblick der Auberginen überlege ich, ob es nun Obst oder Gemüse ist und wie man jemandem “aubergine” beschreibt, der seinen Geschmackssinn verloren hat. Dann geht plötzlich die Tür auf. In die leere Kaufhalle tritt ein unrasierte Mann mit knöchellangem, schwarzen Ledermantel. Er nimmt sich einen Korb, schreitet durch das Drehkreuz, bleibt dahinter stehen und brüllt: <Rock ‘n’ Roll!>

<Ja, Rock ‘n’ Roll, Bruder>, denke ich und schüttele innerlich den Kopf. Ich nehme eine Aubergine, rieche daran und weil es doch keine Mango ist, lege ich sie wieder hin. Ich gehe weiter zum Käseregal.

Das <Rock ‘n’ Roll> hat einen jungen Kaufhallenmitarbeiter aufmerksam werden lassen. Etwas ungläubig kommt er mit seiner Etikettiermaschine hinter einem Regal vor und mustert den Eindringling kurz, fährt dann aber mit seiner Arbeit fort. Der Mann im schwarzen Mantel betrachtet derweil die Karotten. Er trennt eine Plastiktüte von der Rolle, öffnet die Tüte und durchbricht deren Boden mit einer Faust. Dann steckt er die Karotten so durch den Plastiktütenschlauch, dass das Kraut in der Tüte ist und die Karotten unten nackt heraushängen. Damit stapft er durch den Laden. <Das Kraut erfriert. Es erfriert.>, brüllt er immer wieder.

Ich bin an der Kasse angekommen, als auch der Karottenmensch seinen Einkauf beendet. Er packt seinen Einkauf hinter meinem auf das Band und platziert einen dieser kleinen Trennstücke auf das Band. Er entdeckt, dass es davon noch viele andere gibt und beginnt mit dem Bau einer Mauer aus Trennstücken. Sie türmen sich immer höher. Mein Einkauf rutscht weiter und wird abkassiert. Ich packe ein. Die Kassiererin sieht das Kunstwerk. Sie ist verstört. Als sie das erste Trennstück vom Stapel nimmt, presst er zwischen seinen Zähnen ein falsch gesungenes: <Take me down, little Susie, take me down> hervor.

Ich klappe meine Tasche zu und trete ein wenig später aus der Kaufhalle. Es hat wieder angefangen zu schneien. Ein schwarzer Hund ist am Geländer neben den Einkaufswagen angebunden und wartet.


1 Comment so far
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Sehr schön! Und ich dachte immer, Frankfurt sei die Hauptstadt der Bekloppten🙂
Ganz liebe Grüße!

Comment by Almut




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